Konzept

Es gibt eine wachsende Anzahl an Klienten, die eine sinnvolle Beschäftigung suchen, aber kein Interesse an den gängigen Angeboten wie Handarbeiten, Malen, Holzarbeit o.ä. haben. Besonders unter den jüngeren Klienten ist eine große Affinität zu digitalen Medien zu beobachten. Aber auch unter den Menschen über 40 gibt es viele, die lieber mit einem Computer ihre Zeit sinnvoll und auch kreativ gestalten. Andere Klienten wiederum suchen eine Möglichkeit sich kognitiv zu fordern in dem sie Texte schreiben oder sich in Editing Software einarbeiten. Auch zur Regulierung von emotionalen Erregungszuständen oder bei Konzentrationsproblemen bei Klienten sind digitale Tools gut einsetzbar, wie z.B. die App 'Starry Night'.
Außerdem gibt es eine Gruppe von Menschen, die keinen barrierefreien Zugang zum Internet haben, aber gerne lernen würden, sich im digitalen Raum zu bewegen. Für diese heterogene Gruppe an Menschen gibt es in der Regel keine adäquaten tagesstrukturierenden oder ergotherapeutischen Angebote. Daher entstand die Notwendigkeit eine Lösung zu finden, damit auch diese Klienten eingebunden werden können.
Die Angebotspalette der Medienwerkstatt ist breit. Teilnehmende Menschen können z.B. Text- und Audiobeiträge zu unterschiedlichen Themen erstellen. Dazu recherchieren sie im Internet und lernen durch die Begleitung der Anleitung seriöse Quellen von unseriösen zu unterscheiden. Eine Fähigkeit, die sie auch im digitalen Alltag dringend benötigen, um eine gleichberechtigte und gefahrenfreie Teilhabe im digitalen Sozialraum zu erlangen.
Es sind aber auch experimentelle Audioformate wie z.B. "Klanglandschaften" möglich. Visuell interessierte Klienten können digital malen, fotografieren und mit Bildbearbeitungsprogrammen arbeiten. Des Weiteren können sie Videos herstellen, Hörspiele schreiben und produzieren.
Die Teilnehmenden können ohne Vorerfahrung starten und lernen die benötigten Skills in der Teilnahme. Die diversen Formate ermöglichen es ihnen, neue Fähigkeiten bei sich selbst zu entdecken und stärken ihr Selbstbewusstsein.
Hinter einem einzelnen Beitrag verbirgt sich zum Teil die Arbeit vieler Klienten mit unterschiedlichen Wissensständen und Herausforderungen, so dass immer wieder aufwändige, inklusive Gemeinschaftsproduktionen entstehen. 
Die einzelnen Beiträge können auf die Website geladen und dort gesehen bzw. gehört werden. Je nach Fähigkeiten und Interessen, können alle Formate an die Klienten angepasst und somit eine Bandbreite von sehr niedrig- bis sehr hochschwelligen Angeboten abgedeckt werden.
In Krisenzeiten, gerade auch während der Pandemie, können Klienten von zuhause aus teilnehmen. Das bedeutet in der Praxis, sie schicken ihre Beiträge per Mail und werden per Video-Telefonie therapeutisch begleitet. Somit kann eine Teilhabe gewährleistet werden, auch wenn Pandemie- oder Krankheitsbedingt die Teilnehmenden ihre Wohnung nicht verlassen können.
Durch den Einsatz digitaler Technik können daher Menschen erreicht werden, die mit konventionellen tagesstrukturierenden und ergotherapeutischen Maßnahmen nicht angesprochen werden. Außerdem kann dadurch in schwierigen Zeiten eine durchgehende Betreuung gewährleistet werden, welches mit rein analogen Angeboten nicht möglich ist.

Die Idee der Medienwerkstatt ist auch auf andere Organisationen übertragbar, so dass ein breites Netz an digitalen Angeboten entstehen kann, gerade auch für die nachfolgenden, jüngeren Generationen. Diverse Interessenten aus Einrichtungen haben sich über unser Projekt informiert und überlegen dies in ihrer Organisation zu implementieren.

Die Medienwerkstatt gibt es bereits seit vielen Jahren, früher unter dem Namen 'Radio am Alex', damals mit einem ausschließlichen Schwerpunkt auf Audioformate. Im Laufe der Jahre hat sich das Projekt immer breiter aufgestellt, auch durch die Klienten, die ihr Fach- und Inselwissen und auch ihre unterschiedlichen Bedürfnisse einbringen. Ein Projekt dieser Art ist immer im Wandel, um sich so an neue mediale Möglichkeiten in der Klientenbegleitung anzupassen.
Da die Medienwerkstatt über eine Grundausstattung an Computern und anderen digitalen Tools z.B. Kamera, Aufnahmegeräte, Apps, (Zeichen-)Tablets verfügt, kann bereits jetzt auf sehr unterschiedliche Bedarfe eingegangen werden. Der Vorteil der digitalen Medien ist, dass, wenn einmal die benötigten Gerätschaften angeschafft sind, die Begleitung schnell und barrierefrei an verschiedenste (therapeutische) Ziele angepasst werden kann. Möchten zum Beispiel Teilnehmende eine Collage gestalten, kann dies je nach Fähigkeiten über ein bereits vorhandenes komplexes Bildbearbeitungsprogramm geschehen oder es kann eine passende App auf ein Tablet geladen werden, so dass auch Menschen ohne Vorkenntnisse, teilhaben können.

In der Behindertenrechtskonvention wird die digitale Teilhabe als Menschen- beziehungsweise Grundrecht aufgeführt. Somit ist die digitale Teilhabe eine Bedingung dafür, dass auch Menschen mit psychischen Erkrankungen Zugehörigkeit und dadurch Würde als gleichberechtigter und anerkannter Mensch erfahren können. Diese digitale Teilhabe kann in der Medienwerkstatt stattfinden, in Form von Beiträgen, die innerhalb der Medienwerkstatt von den Klienten erstellt werden, aber auch durch das Erlernen des selbständigen Bewegens im digitalen Raum.
Das digitale kreative Arbeiten hat auch das Potential barrierefreier zu sein als das analoge Arbeiten wie das Beispiel der oben genannten Collage App zeigt. Für eine analoge Collage müssen passende Materialien gesammelt, geschnitten und geklebt werden. Auf der digitalen Ebene geschieht dies alles innerhalb einer App und kann dadurch auch Menschen erreichen, die z.B. motorische Schwierigkeiten haben oder denen das analoge Material nicht zur Verfügung steht.
Die Medienwerkstatt ermöglicht Menschen, denen digitale Medien vertraut sind, sich mit ihrem bevorzugten Tool kreativ auszudrücken und Produkte zu erstellen. Gleichzeitig ermöglichen bestimmte Medienformate, wie z.B. Interviews oder Umfragen, das Trainieren sozialer Interaktion.
Neben dem Erschaffen dieser Produkte bieten die digitalen Medien auch alternative Kommunikationsräume mit denen zeitliche und räumliche Gegebenheiten überwunden werden können. Dazu verwenden wir z.B. das Portal Redmedical und können darüber mit unseren Klienten per Video-Telefonie in Kontakt treten, auch wenn sie gerade nicht in der Lage sind die Wohnung zu verlassen.
Auch über die Website selbst kann Kommunikation und Austausch stattfinden. Während des ersten Lockdowns haben die Anleiter täglich Videos mit Ideen für kreative Arbeiten erstellt und auf die eigene Homepage geladen, damit die Klienten von zuhause aus darauf zugreifen können und Gestaltungsmöglichkeiten für die vielen einsamen Stunden haben. Ihre Endergebnisse haben sie mit dem Handy abfotografiert, den Anleitern gemailt und diese haben sie auf die Website geladen. Gerne verlinken Teilnehmende ihre Beiträge auf ihre social media Kanäle und bekommen so ein direktes Feedback aus der digitalen Community.

Medienkompetenz und digitale Souveränität sind wichtige Aspekte in der Begleitung der Klienten. Denn das selbständige Bewegen in der digitalen Lebenswelt kann schnell seine Selbstbestimmtheit verlieren, wenn die Klienten den mannigfaltigen Möglichkeiten erliegen und aus dieser Welt nicht mehr herausfinden. Hier gilt es diese Menschen zu empowern. Dies geschieht durch Reflexion und auch klare Regelsetzung. So wird mit den Klienten der Medienwerkstatt z.B. trainiert, die Recherche für ihre Beiträge nur in den Teilnahmezeiten zu erledigen und nicht auch noch in ihrer Freizeit. Bestimmte Websites (z.B.Amazon) sind an den PCs blockiert, damit sie die Chance haben sich auf ihre Aufgabe zu konzentrieren und nicht abgelenkt werden.  Für die Teilnahme müssen die Klienten eine Nettiquette unterschreiben, in der beschrieben ist, wie sie sich im Internet bewegen sollen und was nicht erlaubt ist, u.a. dürfen sie aus urheberrechtlichen Gründen nicht einfach Fotos oder Texte aus dem Internet kopieren und in ihren Beiträgen verwenden. Ob die Beiträge auf der Website zu hören und sehen sind, und ob dies unter ihrem Namen geschieht oder anonym, entscheiden die Klienten.
Die Homepage ist der sichtbare Teil der entstigmatisierenden Arbeit mit den Klienten. Bei der Internetpräsenz steht die Darstellung ihrer Ressourcen im Vordergrund. Gleichzeitig soll aber auch nicht verborgen werden, dass es sich um ein Projekt für psychisch erkrankte Menschen handelt.

Vorhandene analoge Maßnahmen ermöglichen nicht allen Klienten eine Teilhabe. Klienten, die keine Begabung zum Malen oder zu handwerklichen Tätigkeiten haben, werden ausgeschlossen. Digitale Medien bieten die Möglichkeit auch diese zu inkludieren. Interessierte, noch unerfahrene Klienten können Medien- und Internetkompetenz erlernen, wodurch sie auch außerhalb der Tagesstruktur/ Ergotherapie mehr und selbstbestimmter im digitalen Raum partizipieren können. Ausleihbare mobile Endgeräte unterstützen diesen Prozess. In Krisensituationen müssen die Klienten nicht mehr auf eine Begleitung verzichten, sondern können per Video-Telefonie aufgefangen werden. Teilhabe an der Gesellschaft erstreckt sich nicht mehr nur auf analoge Lebensbereiche. Bei einer immer stärker fortschreitenden Digitalisierung, müssen auch Organisationen, die Menschen mit psychischen Erkrankungen begleiten, entsprechende Angebote machen.

 Das Netz bietet die Möglichkeit, sich Inhalte und Informationen vergleichsweise barrierefrei anzueignen. Es bedarf bei unerfahrenen Klienten einer (An-)Leitung, sich innerhalb dieser Zone sicher und verantwortungsvoll orientieren und bewegen zu können. Wenn dies gewährleistet ist, hat der Zugang zum Internet das Potential einer demokratisierenden und partizipativen Nutzung. Gleichzeitig können die Teilnehmenden das Internet auch nutzen um selbst Informationen für andere zur Verfügung zu stellen, in dem sie z.B. das Thema psychische Erkrankungen offen ansprechen. Das hilft wiederum anderen Menschen in ähnlichen Situationen. Projektteilnehmende initiieren informelle Lernprozesse bei den betroffenen Zuhörern und Lesern. Das heißt, durch das Veröffentlichen der Beiträge, für die die Teilnehmenden die Themen selbständig aussuchen, entstehen Peer-to-Peer Aktivitäten. Die Klienten werden als Experten ihrer Lebenswelt anerkannt und haben mit Hilfe der Medien die Möglichkeit andere Betroffene zu erreichen und gemeinsam Veränderungsprozesse anzustoßen.

Die Herausforderungen bestehen darin, dass die Anleitungen sich immer wieder mit neuen technischen Gerätschaften, Programmen und medienrechtlichen Themen auseinandersetzen und in diese einarbeiten müssen. Basierend darauf werden schnell und individuell angepasste Formate für und mit Klienten entwickelt und zum Teil mit den Klienten zusammen durchgeführt.  Anleitungsanforderungen sind dem entsprechend ein therapeutischer/pädagogischer Überbau, technisches Interesse und Fertigkeiten, Kreativität und Spontaneität, sich immer wieder neu und individuell auf Klienten einzustellen. Idee, Konzept und div. Formate wurden von den Anleitern erstellt, die auch die Internetseite gestalten und redaktionell betreuen. Eine weitere Herausforderung ist die Balance zu halten zwischen angemessener technischer und therapeutischer Begleitung und Peer Involvement.

Die Medienwerkstatt ist ein Alleinstellungsmerkmal für die Organisation, da es in der Umgebung (und auch darüber hinaus) kein Projekt dieser Art gibt. Vor einigen Jahren wurde dem Projekt, damals noch unter dem Namen Radio @m Alex, die Presse-Ente des Deutschen Journalisten -Verband verliehen. Die lokalen Medien haben Interesse gezeigt und Beiträge über die besonderen Aktivitäten des Projektes während des ersten Lockdowns gemacht.
Die Medienwerkstatt kooperiert mit anderen, analogen Projekten der Alexianer Aachen GmbH und produziert Gemeinschaftsausstellungen. Im letzten Jahr eröffnete die Ausstellung 'Weltreise', die zum Teil auf der Internetseite zu sehen war/ist und zum Teil als Videostream im Schaufenster eines Geschäftes. Auf mehreren Ebenen konnten somit analoge Prozesse für alle digital sichtbar gemacht werden.
Kooperationen finden auch mit den diversen regionalen und nationalen Interviewpartnern aus dem Kultur- und Sportbereich statt. Die Kooperation mit dem Museum Ludwigforum befindet sich im Aufbau.

Partizipation und Inklusion finden heute auch digital statt. Sozialräume und Lebenswelten haben die analogen Grenzen überwunden und befinden sich auch im digitalen Raum. Wenn Organisationen, die Menschen mit psychischen Erkrankungen begleiten dem nicht Rechnung tragen, verhindern sie die Teilhabe vieler Menschen.