Der Rote Faden

Von Rolf Mackowiak

Technik

Freiheit ist ein zu hohes Gut, als daß wir sie uns aus Bequemlichkeit abnehmen lassen sollten.

Technik – das ist ein weites Feld. Ich werde mich auf einen Aspekt beschränken: Wie gehen wir mit Technik um bzw. welchen Einfluß hat Technik auf uns Menschen?

Ich komme auf dieses Thema, weil ich mir vor kurzer Zeit ein Smartphone zugelegt habe – nach langem Überlegen und mit gehöriger Skepsis. Um es vorwegzunehmen: Diese Skepsis hat sich nur zu deutlich bewahrheitet. Das fing schon damit an, daß ich die SIM-Karte registrieren lassen mußte, um überhaupt telefonieren zu können. Das war beim Aufkommen der Handys noch ganz einfach. Ich mußte nur die Registriernummer per SMS an eine bestimmte Telefonnummer senden und nach kurzer Zeit konnte ich es benutzen, also telefonieren.

So einfach gestaltete sich das diesmal nicht. Meine Versuche, das über eine App zu erledigen, scheiterten kläglich, so daß ich schließlich die Hilfe der Verkaufsstelle in Anspruch nehmen mußte. Warum das über die App nicht klappte, weiß ich bis heute nicht. Ich bin einfach immer wieder in dieselbe technische Sackgasse geraten. Dazu kam das völlige Fehlen einer auch nur minimalstischen Bedienungs-Anleitung. Die konnte ich per Internet lesen, aber nicht auf dem Smartphone speichern. Beides dicke Minuspunkte für die Technik.

Wenn mir mein Computer solche Hürden in den Weg legte, würde er mittlerweile irgendwo verstauben. Tut er aber nicht, er funktioniert ganz einfach. Und das ist ein Anspruch, den ich an jede Technik stelle: Sie hat zu funktionieren, ohne daß sich meine Gehirnwindungen verzwirbeln. Anders gesagt: Technik hat sich mir so zu präsentieren, daß ihre Bedienung nicht viel Nachdenken erfordert, sondern quasi intuitiv ist.

Mich erinnert das an eine Situation, über die ich einmal in einem Buch gelesen habe. Da hatten die Programmierer eine Software für Tonstudios entworfen, und es gab keinen Funktions­bereich, der nicht abgedeckt war. Nur in einem Punkt lagen die Programmierer deutlich neben der Spur. Die Bedienung orientierte sich nicht an der der Geräte, die die Tontechniker gewohnt waren, sondern die Benutzer-Oberfläche war völlig neu konzipiert. Das war gar nicht gut für die Akzeptanz bei den anvisierten Benutzern, die entschieden keine Lust hatten, sich auf dieses ihnen unbekannte Bedienkonzept einzulassen. Schließlich funktionierte die vorhan­dene Technik einwandfrei. Warum also umlernen?

Da hatten die Techniker also ein großartiges Produkt geschaffen, das es völlig an der Nutzerfreundlichkeit fehlen ließ und im Endeffekt daraus einfach Murks machte.

Da Treffen also zwei Aspekte aufeinander: Die Funktionalität der Technik und ihre Bedienbarkeit. Dazu kommt noch ein weiterer Punkt, nämlich die Gewohnheiten. Nehmen wir ein Beispiel, das wohl jeder kennt, das Schaltgetriebe eines Autos. Schon in der Fahrschule sind wir mit der gewohnten H-Schaltung vertraut gemacht worden. Aber es gibt auch andere Systeme, wie z. B. beim alten R4, der eine Pistolen-Schaltung hatte, die mindestens gewöhnungsbedürftig war. Bei der Bundeswehr hatte ich in der Fahrschule nicht nur damit zu kämpfen, daß das Getriebe des MAN nicht synchronisiert war, sondern das Schaltschema verlief auch noch vertikal, d. h. der Schalthebel mußte nach unten gedrück oder nach oben gezogen werden, um einen Gang einlegen zu können. Beides würde man heute keinem Autokäufer mehr zumuten.

Die Bedienbarkeit ist auch eine Frage, wie komplex die Aufgaben sind, die ein Gerät bewältigen soll. Handmixer und Staubsauger brauchen nicht viele Bedien-Elemente.

Ein anderer Aspekt ist die Funktionsweise. Ich muß keine Auto zusammenbauen können, um es zu fahren. Im täglichen Leben z. B. bei einem Smartphone, begegnen uns aber Funktionalitäten, die oft nur schwer durchschaubar sind, wenn überhaupt. Was macht eine App mit meinen Daten? Verwendet sie sie nur für die ihr zugedachte Funktion oder streut sie sie großzügig aus, ohne daß dabei die geringste Transparenz gegeben ist, was und warum sie etwas tut?

Ich stelle an der Kasse immer wieder fest, wie oft einfach mit der Karte bezahlt wird. Bis jetzt habe ich noch nicht feststellen können, daß damit ein zeitlicher Vorteil verbunden ist oder bestenfalls ein geringer. Bequem vielleicht – ich muß mich nicht darum sorgen, ob ich genügend Geld dabei habe – aber in Hinsicht auf meine Daten für mich sehr fragwürdig. Alle Benutzer von Konto- oder Rabattkarten hinterlassen im Laufe des Tages eine breite Datenspur, und da bin ich sehr kritisch. Der Anspruch „Meine Daten gehören mir“ ist ohnehin illusorisch. Aber freiwillig rücke ich damit nicht heraus.

In dem Punkt kann ich die Sorglosigkeit vieler Mitmenschen nicht verstehen. Ich habe die genauen Daten nicht mehr parat, aber eine Näherung: Es genügen 3 – 4 Datensätze, um mich mit einer etwa 80%igen Wahrscheinlichkeit als Einzelperson zu identifizieren. Ich vermute, daß den meisten Menschen das ziemlich egal ist, aber mich stört es.

Schließlich war es das Bundesverfassungsgericht, das ein Recht auf informationelle Selbstbestimmung postuliert hat. Das war bereits 1983. In der Zeit hat sich die Technik weiterentwickelt. Ich denke mit Schaudern daran, daß in China eine fast lückenlose Überwachung der Bevölkerung stattfindet, und derartige Zustände möchte ich auch nicht im Ansatz erleben. Dafür verzichte ich gerne auf ein paar Bequemlichkeiten.

Es irritiert mich außerdem, wie ein Großteil der Menschen mit dem Smartphone umgeht. Es ist ja durchaus verständlich, es immer griffbereit zu haben, aber warum viele es ständig in der Hand halten oder gar bei jeder sich bietenden Gelegenheit darauf herumwischen, erschließt sich mir nicht. Nur in wenigen Fällen haben solche Aktionen einen praktischen Grund. Ich habe im Gegenteil das Gefühl, es diene nur dazu, die Zeit irgendwie mit etwas zu füllen. Ein sehr sinnvoller Einsatz von Technik ist das nicht.

Ähnliches Unbehagen bereiten mir System wie Siri und Alexa. Es ist sicher sehr praktisch, bestimmte Dinge mit Zuruf zu starten, aber die Frage, die sich mir stellt: Wann registriert dieses System meine Worte. Unterliege ich damit einer ständigen Überwachung, was ich wann sage? Was davon wird von dem System weitergeleitet und an wen? Für mich ist das ein selbstgwählter Verzicht auf Privatheit.

Es gibt es ja das Bestreben, den Autos die Fähigkeit für das autonome Fahren zu geben. Auch das ist für mich sehr fragwürdig. Sicher wäre es bequem, der Fahrzeugsteuerung nur das Fahrziel zu nennen und dann die Hände in den Schoß zu legen. Aber was ist bei Unfällen? Wer haftet in dem Fall – der Hersteller des Steuerungsystems oder der Fahrer bzw. Passagier? Da werden noch einige Probleme auf uns zukommen.

Murphys Gesetz (Alles was schief gehen kann, wird schief gehen) ist ein wenig in Vergessen­heit geraten, aber man sollte sich bei allen komplexen System daran erinnern. Da entstehen gegenseitige Abhängigkeiten, die das System notwendig unüberschaubar und vielleicht sogar unkontrollierbar machen.

Ich bin kein Gegner der technischen Entwicklung. Ohne meinen Computer würde ich mir regelrecht amputiert vorkommen, weil er ein sehr gutes und praktisches Werkzeug ist. Aber eben auch nicht mehr. Oder in meinen Worten: Mit dem Computer sind auch die Fehler 100%ig. Ich durchschaue auch nicht immer, was sozusagen hinter den Kulissen abläuft. Aber so lange ein Programm das macht, was ich von ihm erwarte, bin ich damit zufrieden. Kritisch wird es für mich dann, wenn Entscheidungen an Computer delegiert werden, wie dies z. B. im Aktienhandel oft der Fall ist. Da beraubt sich der Mensch seiner Einflußmöglichkeiten, und das finde ich sehr gefährlich, auch für die Demokratie. Ich fürchte, daß dann vermeintliche Sachzwänge entstehen, die die Entscheidungsmöglichkeiten noch weiter einengen, für die am Ende aber niemand die Verantwortung übernehmen will. Aber eine Maschine wird man nicht haftbar machen können.

Freiheit ist ein zu hohes Gut, als daß wir sie uns aus Bequemlichkeit abnehmen lassen sollten.